Die Mutter als Kanal. Oder was unsere erste Beziehung mit dem Empfangen zu tun hat.

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Gedanken zum Muttertag.


Heute ist Muttertag. Und ich habe gemerkt, wie unterschiedlich dieses Datum Menschen berührt. Manche mit Wärme. Manche mit Sehnsucht. Manche mit einer stillen, kaum benennbaren Schwere. Viele mit allem gleichzeitig. Und manche lässt es vollkommen kalt.

Ich habe mich gefragt: Was macht diese eine Beziehung so grundlegend? So unvermeidbar? So tief – egal ob wir sie als positiv oder negativ erleben.

Die Antwort: Sie war das erste.

Noch bevor wir ein Wort kannten. Noch bevor wir wussten, wer wir sind, war da diese eine Verbindung. Der erste Kanal, durch den Leben in uns geflossen ist.

Vielleicht nicht die erste perfekte, nicht die erste liebevolle, nicht die erste heilsame. Aber die erste Verbindung. Und das allein verändert alles.


Was die Mutter wirklich ist

Ich erlebe es immer wieder, dass das Thema „Empfangen“ nicht jedem leichtfällt. Auch mir nicht. Etwa, wie schwer es manchen Menschen fällt ein Kompliment anzunehmen, Hilfe zu akzeptieren, sich etwas zu gönnen, ohne es sofort zu rechtfertigen. Und aus eigener Erfahrung sowie meinem systemischen Background weiß ich, hat das fast immer mit der Mutter zu tun.

Nicht weil sie schuld daran ist. Sondern weil sie unser erster Spiegel war. Die erste Erfahrung davon, wie es sich anfühlt, zu empfangen. Geliebt zu werden. Gesehen zu werden. Gehalten, oder eben nicht gehalten, zu werden.

Durch sie haben wir unser inneres Licht empfangen. Unsere natürlichen Gaben. Unsere Fähigkeiten. Unseren Blick auf die Welt.

Aber auch: die Wunden, die sie nicht heilen konnte. Die Glaubenssätze, die sie uns mitgegeben hat, ohne es zu wissen. Die Muster, die sich in uns eingeschrieben haben, bevor wir überhaupt wählen konnten.

Das ist kein Vorwurf. Es beschreibt nur unser Ausgangsmaterial, Licht und Schatten.


Ich muss sie nicht lieben. Aber ich ehre sie.

„Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit deine Tage verlängert werden auf dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.“ Wer kennt dieses Gebot nicht.

Doch wie oft verwechseln wir Ehren mit Zustimmen? Mit Lieben? Mit Verzeihen im falschen Sinne – jenem Verzeihen, das so tut, als wäre nichts gewesen?

Ehren bedeutet etwas anderes. Es bedeutet: Ich erkenne an, dass du das Gefäß warst, durch das Leben in mich geflossen ist. Nicht mehr. Und nicht weniger.

Ich muss nicht einverstanden sein mit dem, was sie getan hat. Ich muss sie nicht verstehen. Ich muss das Verhältnis nicht schönreden, das vielleicht schwierig war, ist oder bleibt.

Aber wenn ich das Leben ehre – und das sollten wir alle – dann ehre ich auch die Mutter. Denn sie war der Weg. Nicht das Ziel, aber der Weg.


Was in uns wartet

Es gibt eine Frage, die ich in solchen Momenten der inneren Arbeit immer wieder stelle: Wofür ist das eine Gelegenheit?

Nicht: Warum war es so? Nicht: Was hätte anders sein sollen?
Sondern: Was kann ich daraus machen? Was will diese Wunde, dieses Muster, diese alte Geschichte von mir? Was zeigt mir das über mich?

Denn die Beziehung zur Mutter ist kein abgeschlossenes Kapitel. Sie lebt in uns weiter. In dem, wie wir uns selbst nähren, oder nicht nähren. In dem, wie wir empfangen, oder abwehren. In dem, wie wir über uns selbst denken, wenn niemand zuhört.

Selbstwert.
Empfangen.
Lebens Vision.
Emotionale Welt.
Kreativität & Manifestation.
Die Art, wie wir uns selbst nähren.
Verbindung zu anderen & Partnerschaft …

… All das trägt eine Spur von ihr und beeinflusst, wie wir diese Bereiche leben.


Das Licht, das durch sie kam, gehört dir

Das ist vielleicht das Kraftvollste, was ich in der Rolle als Tochter gelernt habe:

Du bist nicht deine Mutter. Du bist nicht ihre Wunden. Du bist nicht die Geschichte, die zwischen euch entstanden ist. Du bist das Licht, das durch sie hindurchgegangen ist. Und jetzt seinen eigenen Weg leuchtet, durch dich.

Das bedeutet: Annehmen, was gegeben wurde. Nicht als Schicksal, sondern als Ausgangspunkt. Und dann wachsen. Über das hinaus, was vorgelebt und vorgegeben wurde. Nicht gegen sie, sondern aus dir selbst heraus.

Es ist erlaubt zu empfangen. Alles. Die Gaben, die einem in den Schoß gelegt wurden. Die Gelegenheiten, die sich ergeben. Das Leben selbst.


Die Frage, die alles verändert

Nicht nur systemisch sondern auch spirituell, wird die weibliche Seite als die empfangende Seite betrachtet. Ebenso gilt „wie oben so unten = wie unten so oben“. Demnach hängt das Verhältnis zur irdischen Mutter auch zum Verhältnis der weiblichen Urenergie/Obermutter ab.

Daher meine Frage an dich:
Wenn du an das Verhältnis zu deiner Mutter denkst, welche Emotionen kommen dabei hoch?

Es geht nicht darum, in der Vergangenheit zu verweilen. Oder darum, alte Wunden aufzukratzen. Sondern um zu verstehen, wo der Kanal noch nicht ganz offen ist und welche Einstellung zur Mutter das Empfangen blockieren.

Denn wenn der Kanal zur Mutter gereinigt wird – auch innerlich, auch symbolisch, auch ohne dass sie sich je ändert – dann öffnet sich etwas in uns. Eine Kapazität, die vorher verschlossen war.

Die Fähigkeit, wirklich anzunehmen. Was das Leben gibt. Was Menschen geben. Was wir uns selbst geben dürfen.


Eine Übung für dein Journal
(Die innere Arbeit mit dem Verhältnis zur Mutter gilt auch dann, wenn deine Mutter nicht mehr lebt, oder du deine leibliche Mutter nicht kennst.)

Nimm dir diese Woche etwas Zeit und setze dich mit folgenden Fragen auseinander:

Wie war/ist mein Verhältnis zu meiner Mutter und was löst allein das Nachdenken darüber in mir aus?
Was empfinde ich?

Was empfinde ich für sie?

Wo fühle ich mich ihr gegenüber verpflichtet? Auch jetzt als Erwachsene.
Was hat diese Verpflichtung forciert? Was war der Antreiber?

Wo fällt es mir schwer zu empfangen, im Kleinen wie im Großen?
Was hat das mit ihr zu tun?

Was habe ich durch sie bekommen, das ich noch nicht vollständig angenommen habe? zB Gaben, Fähigkeiten, Ressourcen …

Was kann ich daraus lernen?
Wofür ist das eine Gelegenheit, jetzt, in diesem Moment meines Lebens?
Wo ist hier die Chance für Transformation?


Affirmation – nicht nur zum Muttertag:

Mama! Ich sehe dich.
Danke, dass du mir das Leben geschenkt hast.
Ich nehme es an, so wie es ist.
Ich nehme dich an, so wie du bist.
Ich nehme an, was gegeben wurde. Und wachse darüber hinaus.
Ich ehre die Quelle.
Ich ehre dich und das Leben, dass durch dich gekommen ist.
Ich sage Ja zu dem Leben und trage es weiter.
Nicht dir zuliebe. Sondern für mich.


Ich hoffe, dieser Blog hat dich berührt und zum Nachdenken angeregt. Deine Gedanken sind willkommen – hinterlasse gerne einen Kommentar, schreibe mir eine Email, oder abonniere meinen SOUL-LETTER direkt in dein Postfach.

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